Badische Zeitung

26. Oktober 2006

Warum Hans das afrikanische Chaos braucht

BUCH IN DER DISKUSSION: Der Reporter Albrecht Heise beobachtet den „alltäglichen Ausnahmezustand" im Kongo
Von unserer Redakeurin Frauke Wolter

Er hat eine ganz schöne Wut. Wut auf die Helfer, Wut auf den Dollar-Regen aus dem Ausland, der die Bevölkerung afrikanischer Elendsstaaten still und deren korrupte Regierungen am Leben hält. Der Filmemacher und freie Autor Albrecht Heise gehört zu denen, die endlich Schluss machen wollen mit dem „schwarzen Kolonialismus" und der weißen Hilfsmaschinerie. Und er hat gute Gründe dafür.
Der Aufschrei der .,Guten" ist programmiert. Seit längerem schon tobt der Streit um die Frage: „Wer rettet Afrika?" Auf der einen - vermeintlich guten - Seite stehen Leute wie der amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs. Er und eine Reihe von prominenten Popstars und Politikern fordern den „Big Push", das Aufstocken der Hilfe. Zu den jährlich 68 Milliarden Dollar sollen weitere 50 Milliarden hinzukommen. Auf der anderen Seite positionieren sich die Afrikaner: „Lasst uns alleine!" sagt zum Beispiel der kenianische Ökonom James Shikwati. „Entwicklungshilfe schadet. Die Afrikaner werden nur zu Bettlern erzogen und zu Unselbstständigkeit."
Albrecht Heises Reportage „Der alltägliche Ausnahmezustand Kongo im Chaos" liefert zahlreiche, anschauliche Argumente für diesen Zusammenhang zwischen Hilfe und Unterentwicklung. So geht es dem zentralafrikanischen Land trotz Rohstoffreichtums und steten Geldflusses aus den westlichen Ländern schlechter als je zuvor. Das Bruttosozialprodukt pro Person ist zwischen den Jahren 1990 und 2000 von 46 US-Cent auf 19 pro Tag gesunken; etwa 50 Prozent der schulpflichtigen Kinder besucht den, Unterricht, nur die Hälfte der Bevölkerung wird medizinisch versorgt, noch weniger hat Zugang zu sauberem Wasser.
Doch der übliche Reflex, aufgrund solcher Nachrichten die finanziellen Transfers zu erhöhen, sei falsch, so Heise. Mit Entwicklungshilfe werde nur die Inkompetenz der afrikanischen Führer verschleiert. Und mit ihnen bleiben Korruption und die zerstörerische Selbstbedienung der Eliten - zum Schaden der Bevölkerung.
Dieser Teufelskreis lässt sich schwer durchbrechen. Noch dazu weil die Hilfsindustrie zigtausende Europäer und Amerikaner bezahle. „Die sind alle daran interessiert, dass dieses verrückte System bestehen bleibt", lässt Heise einen afrikanischen Kollegen aus Uganda sagen. Wie gut dieses „verrückte System" im Kongo funktioniert, beschreibt Heise am Beispiel von Hans.
Hans ist ein Deutscher, Mitte 60, seinen Nachnamen erfährt man wohlweislich nicht. Denn Hans ist ein „businessman", der schon daheim Geschäfte eher zwielichtiger Art machte. Heute profitiert er im Kongo - stellvertretend für viele andere weiße und schwarze Kriegsgewinnler - von einem kaputten Staatsapparat, dem wohl auch die jüngsten Parlamentswahlen nicht auf die Beine helfen werden. Das beruhigt Hans, denn er braucht das afrikanische Chaos. Hans kennt alle wichtigen Leute in Kinshasa, seine Geschäfte sind kaum legal, doch wen soll das stören'
Der Journalist Heise mag diesen Hans trotzdem, und man kann es sogar verstehen. Nicht nur, weil Hans in dem unübersichtlichen, riesigen Land eine stete und verlässliche Quelle für Informationen und Kontakte ist. In diesem afrikanischen „Absurdistan" ist einer wie Hans beinahe folgerichtig: Er prangert die ausländische Hilfe an - und verdient doch auch daran.
Dass Heise diesen Hans als roten Faden für seine Reportage gewählt hat, ist ein kluger Schachzug. Zwölf Tage war der Autor im März 2005 bei dem Deutschen in Kinshasa zu Besuch; um ihre gemeinsamen Erlebnisse herum erzählt er in zwölf kurzen Kapiteln viel Wissenswertes über den Kongo: Er streift Kolonialgeschichte und Bürgerkriege, kreidet das Versagen der Weltbank an, erinnert an den Sex Skandal der UN-Soldaten und an die Kinderrekruten. Heise blickt oft zurück (es ist nicht seine erste Reise in den Kongo) und zitiert Experten. Herausgekommen ist eine kurzweilige Reportage: mit vielen Fakten und geschrieben mit Leidenschaft.
Runde Tische und Wahlen, nur weil der Westen es will
Kritisch sieht Heise auch die Demokratisierung des Kongo. Dazu lässt er den König von Katanga, Muami Munongo, Folgendes sagen: „Da veranstalten sie jetzt überall in Afrika runde Tische und demokratische Wahlen, das findet alles nur unter dem Druck des Westens statt. Das Volk ist daran nicht beteiligt. Und deshalb funktioniert es nicht." Immerhin - an diesem Sonntag entscheiden die Kongolesen über ihren künftigen Präsidenten.

Albrecht Heise: Der alltägliche Ausnahmezustand - Kongo im Chaos. Picus Verlag Wien 2006, 189 Seiten, 14,90 Euro.