Schwarzwälder Bote
10.11.2007
Überleben in einem Sumpf von Korruption und Anarchie
Auslandsberichterstatter schildert sehr plastisch das alltägliche Chaos im KongoV
von Thomas Ducks
Wie das „Kartell des Schweigens und Verdrängens“ zur Aids-Katastrophe beiträgt, so ist der „Schwarze Kolonialismus“ der habgierigen einheimischen Elite im Kongo eine Ursache für das Elendder Bevölkerung. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 hat sich die einstige Kolonie Belgiens stetigzurückentwickelt, „trotz aller Entwicklungshilfen, viele behaupten gerade wegen der Entwicklungshilfe“, sagt der frühere ZDF-Korrespondent Albrecht Heise. Sein Verdikt: Schwarze Machthaber und weiße Experten leben prächtig davon, während das Volk arm bleibt. Heises spannende Reise-Reportage bringt das Riesenland dem Leser näher als jedes nüchter nanalytische Überlebenskampfes wird keine Zeit an moralische Überlegungen verschwendet. „Das System der Sachbuch. Schlüsselfigur ist Hans, ein Ruhrpott-Deutscher mit Herrenmenschen-Attitüde, der im Kongo zu Vermögen, Ansehen und Einfluss gelangt ist. Heise verbrachte im März 2005 zwölf Tage in dem haus dieses Glücksritters, der hervorragende Verbindungen zu Politikern und Militärsunterhält, wie der Leser erfährt, der Heise und dessen illustren Gastgeber begleiten darf. Die Normalität, die er dabei erfährt, ist verstörend. „Afrika ist voller Zumutungen“, heißt es bei Heise. Der Ausnahmezustand ist die Regel in der „Demokratischen Republik Kongo“ – ein Land, das seit Jahren zu den Schlusslichtern gehört, was demokratische und marktwirtschaftliche Reformen angeht. Und vertraute Kategorien versagen in der afrikanischen Wirklichkeit ihren Dienst. Im Chaos des Selbstbedienung, oben wie unten, ist längst zur Selbstverständlichkeit geworden“, beschreibt Heise. Beamte, die monatelang ohne Gehalt auskommen müssen, fühlen sich zu illegalen Einnahmenberechtigt; Soldaten plündern, weil sie ihren Sold nicht erhalten. Ein bürgerliches Leben ist in so einem Soziotop undenkbar. Eine gefestigte Zivilgesellschaft sucht manim Kongo vergebens.
Und Hilfe vom Staat, dessen Vertreter oft selbst Profiteure der Unordnung sind, hat niemand zu erwarten, es sei denn, er hält gut gefüllte Geldumschläge bereit. Beim keineswegs unsympathischen Hans funktioniert das wie geschmiert.Warlords, die Politik nur als Maskerade betreiben, brauchen den permanenten Kriegszustand, um ihr einträgliches Geschäft mit wertvollen Rohstoffen betreiben zu können. „Hinter den Fassaden fast aller Parteien, Bewegungen, Armeen und Milizen, die sich mit so edlen Begriffen schmücken wie Demokratie und Freiheit, Unabhängigkeit, Wiederaufbau und Entwicklung, verbergen sich kriminelle Vereinigungen, die neben den eigenen auch noch die Interessen ausländischer Schutzmächteverfolgen“, stellt Heise klar. Und es lohne sich, diese Anarchie in Gang zu halten. „Frieden und Demokratie würden das Ende der guten Geschäfte bedeuten.“ Heise ist eine sehr lebendig Aufnahme des alltäglichen Wahnsinns in einem Land Afrikas geglückt, das seine Menschen durchaus ernähren könnte. Dass das auch nach vier Jahrzehnten noch nicht erreicht ist, hat auch sehr viel mit internationalen Strukturen zu tun. Wenn die Entwicklungshilfe abgeschafft würde, bekäme das der kleine Mann in Afrika gar nicht mit, zitiert Heise einen schwarzen Wirtschaftsfachmann aus Kenia. Auch Hans stimmt da zu.