Süddeutsche Zeitung
Süddeutsche Zeitung, 22.10.2007
Verantwortungslose Eliten
Das ist für alle an Afrika leidenden Freunde des Kontinents ein wichtiges Buch. Albrecht Heise setzt sich über Klischees der politischen Korrektheit hinweg. Das eine ist der hässliche Weiße, das andere das Rousseau-Bild vom „edlen Wilden”. Heise war 1968 zum ersten Mal auf Drehreise in Afrika, damals gab es den ersten Separatismus-Krieg in Biafra. Dieses Buch über den Kongo sollte deutschen Politikern zur Pflichtlektüre gemacht werden. Das sich für ein Personal im Kongo eingenistet hat, das beschreibt der Autor schonungslos. Als 1960 die Belgier den Kongo verließen, „konnte man dieses ganze Land von fast der Größe Westeuropas bequem mit einem VW-Käfer bereisen. 45 Jahre später ist von dem Straßennetz so gut wie nichts übriggeblieben”. Dafür gibt es einen phantastischen Markt für Entwicklungshelfer. Ihre Erfolge werden „am Mittelabfluss gemessen, an der Menge des ausgegebenen Geldes”. Heise bricht mit einem Tabu, das der Helfer oft kennengelernt hat. Pater, lieber Pater, wann ist endlich die Unabhängigkeit vorbei?”, hörte er einen Kongolesen auf Lingala im Kongo sagen. Als der Pater das übersetzte, wollte er es nicht glauben. Heises Gewährsmann ist Hans Buchhold, Jahrgang 1942, verbuscht unter den reichsten Verhältnissen. Heise beschreibt, wie niemand in der Hauptstadt ohne so einen Hansauskommt. Da es keine bürgerliche Ordnung gibt im Kongo und das seit 30 Jahren, hat sich Hans angepasst. Die Besucher sind entsetzt. So hat Hans einen „Kadogo”, einen Kindersoldaten, der ihn um eine Zigarette anbettelte, einfach umgebracht und in den Fluss geworfen.
Es läuft schlecht mit diesem Afrika, seinen verantwortungslosen Eliten. Deutschland hat im vergangenen Jahr 56 Millionen Euro für vier sinnlose Monate Bundeswehreinsatz investiert. Die Wahlen sind ja nicht deshalb erträglich gelaufen, weil die deutschen Soldaten dort ihr Zeltlager aufgebaut hatten.
Unter dem Theater-Personal: François Olenga, ein hergelaufener Kneipen-Besitzer aus Köln. Olenga wurde General unter Laurent-Desiré Kabila. Als der am 16. Januar 2001 einfach ermordet wurde, blieb er es auch unter Joseph Kabila, dem Sohn. Olenga ist verwildert, weilsich das System Mobutu nicht geändert hat. Heise zitiert den französischen Publizisten Stephen Smith: Was würde aus Nigeria werden, wenn man dessen Bevölkerung gegen dasvon Japan austauschte. Man brauchte sich dann keine Sorgen um den schwarzen Riesen in Afrika machen. Heise: Man kann das nicht bezweifeln, wenn 300 Milliarden Dollar Öleinnahmen in 25 Jahren in Nigeria nur dazu geführt haben, dass es den Menschen schlechter geht als 1981. Das ist kein Buch eines Rassisten, sondern eines Realisten. Es sind dem Autor Albrecht Heise nur alle Illusionen genommen worden.
RUPERT NEUDECK
Anmerkung zu Rupert Neudecks Buchkritik:
Rupert Neudeck scheint entsetzt über die Illusionslosigkeit und Schonungslosigkeit, mit der Albrecht Heise die Zustände im Kongo schildert. Allerdings ist es eben diese um politische Korrektheit wenig besorgte Darstellungsweise, die er für angemessen hält. So, meint er, wird das Buch erst zur Pflichtlektüre für Politiker und echte Freunde des afrikanischen Kontinents. Über Desaster, wie den
Entwicklungshelfertourismus und "vier sinnlose Monate Bundeswehreinsatz" liest Neudeck mit Entsetzen und weiß dabei genau: Hier schreibt kein Rassist, sondern ein Realist.
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