Der Pazifist

4. Oktober 2006

Hans im Glück – Kongo im Elend

Eine Buchbesprechung von Julian Rieck

Es klingt alles etwas abstrus. Hans, ein Unternehmer aus Essen, flieht in den 1970er Jahren vor der deutschen Staatsanwaltschaft in das damalige Zaire. Ausgerechnet Zaire! Zu dieser Zeit wird das Land, das wir heute als die Demokratische Republik Kongo kennen, unter der Schreckensherrschaft von Diktator Sese Seko Mobutu in den Ruin getrieben. Doch Hans kommt trotzdem zu Ansehen, verdient genug Geld, um sich eine Villa in Kinshasa zu leisten, und heiratet eine junge, attraktive Afrikanerin.

ach einem Blick hinter die Kulissen wird dann auch schnell klar wie er in diesem „armen" Land an soviel Geld kommt. In der Villa von Hans gehen skrupellose Generäle, hohe Tiere aus Staat und Wirtschaft ein und aus. Alle ! sind Teil eines korrupten Systems, das die Bevölkerung arm hält und unterdrückt, um selbst die Gewinne aus den unermesslichen Quellen von teuren Rohstoffen einzustreichen. Albrecht Heise, Journalist und Afrikakenner, besucht Hans in Kinshasa und beschreibt anhand dieser äußerst paradoxen Person (Hans ist Rassist, der trotzdem mit einer Afrikanerin verheiratet ist), woher dieses System kommt und wie es funktioniert. Schon vor 500 Jahren haben Schwarze und Weiße damit begonnen, Geld mit dem Leid anderer zu verdienen. Damals verkauften afrikanische Könige Sklaven an weiße Zwischenhändler, die diese wiederum vor allem nach Amerika und Europa weiterverschifften.

Dann kam die Zeit der Kolonialherrschaft. Der Kongo ging 1885 in den Privatbesitz des belgischen König Leopold II über, der ihn nach Belieben ausbeutete. Nach der Unabhängigkeit 1960 versuchten die Belgier und der Westen jedoch ihren Einfluss beizubehalten. Dazu brauchte man einen Komplizen, der garantierte, dass alle Rohstoffe weiterhin billig und ohne Steuern zu bezahlen exportiert werden konnten. Man fand ihn schließlich in Mobutu Sese Seko. Auch als sich sein Widersacher Laurent Desire Kabila an die Macht putschte oder sein angeblicher Sohn Joseph das Zepter über den Kongo in die Hand nahm, hörte das Leid der Bevölkerung nicht auf. Im Osten des Landes ziehen Milizen, die nicht selten zum größten Teil aus Kindersoldaten bestehen, plündernd, vergewaltigend und mordend durch das Land. Teure Mineralien wie Gold, Coltan oder Uran sind immer wieder Gründe für neue Kämpfe zwischen Privatarmeen nicht nur aus dem Kongo, sondern auch aus den Nachbarstaaten Ruanda, Uganda und Burundi. Der alltägliche Ausnahmezustand - Kongo im Chaos nennt Heise sein Buch. Und damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Das Einzige, was unter diesem Unrechtsregime funktioniert, ist die Korruption. Die Infrastruktur liegt brach, die Wirtschaft ist am Boden. „Staatsbedienstete" erhalten kein Gehalt, müssen sich ihren Lebensunterhalt selbst zusammen klauen. Ausgetragen wird alles auf dem Rücken der Schwächsten. Denn selbst die Millionenbeträge der Entwicklungshilfe versickern oft in dunklen Kanälen oder werden in undurchdachte Projekte gesteckt. Heise vertritt, wie viele afrikanische Intellektuelle, sogar die These, die Entwicklungshilfe ganz einzustellen, solange diese undemokratischen Strukturen weiter bestehen. Aber wie soll das gehen, wenn die Leute, die im Staat das Sagen haben, dass gar nicht wollen. Auch Hans will, dass alles so bleibt wie es ist. Wie soll er denn sonst sein Geld verdienen? Und außerdem wolle hier ja eh keiner demokratische Wahlen, „außer dem Volk, der Uno, den Amis und der EU." Er steckt mittlerweile so tief im Morast der alten Herrschaftsstruktur, dass er bei einem Regierungswechsel als Verlierer da stünde.

Müsste man es nicht besser, dann käme man fast in die Versuchung, in Hans einen gutmütigen alten Herrn zu sehen. Er adoptiert Kinder, ermöglicht ihnen einen guten Bildungsweg und ein Leben in Europa, er hilft seinen Freunden wo er kann, sorgt sich um seine Angestellten und Bedienstete und weiß zu jedem Thema eine Anekdote zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte, wie Kinshasa über Nacht durch den Boxkampf Muhammad Ali gegen George Forman bekannt wurde und er natürlich seine Finger im Spiel hatte. Wie alles was Hans anpackt ging es auch damals schon nicht mit rechten Dingen zu. Und das Erschreckende ist. dass auch die deutsche Botschaft in Kinshasa seine Methoden zu schätzen weiß.

Da sich Heise an der Person Hans entlanghangelt um einen Aufhänger für sein Buch zu bekommen, geht ihm leider der nötigte Abstand zu diesem unmoralischen Charakter verloren. Allein dass er bei Hans wohnt, fast alle seine Geschichten und Anekdoten widerspruchslos weiter gibt, lässt den Leser aufhorchen. Man fragt sich warum Heise in seiner Rolle als Erzähler nicht einschreitet, ihm nur selten die Meinung sagt. Spätestens als Hans erzählt, wie er einen Kindersoldaten erschlägt und die Leiche in einen Nebenfluss des Kongo wirft, möchte man Hans am liebsten in den selbigen werfen. Doch Heise übergeht völlig emotionslos eine Wertung und wechselt das Thema. Wahrscheinlich will er dem Leser ein Urteil über Hans selbst überlassen oder er will in seiner Rolle als Erzähler nicht aktiv in die Handlung eingreifen, da er sich nur bei Hans einquartiert hat um die Geschichte lebhafter wirken zu lassen. In Wahrheit ist er somit nur Beobachter und Wiedererzähler. Vielleicht lässt er die Wertung auch weg, um zu zeigen wie abgestumpft gegenüber menschlichem Schicksal Hans wirklich ist. Wer erzählt einem einflussreichen Journalisten schon ganz nebenbei, wie man sich selbst des Totschlags schuldig gemacht hat?

Man würde sich dennoch wünschen, Heise würde klarer Position beziehen. Er versäumt es die richtige Konsequenz zu ziehen, nämlich Hans das Handwerk zu legen, sei es auch nur symbolisch im Buch. Des Weiteren erliegt er dem Fehler, dass er als Weißer eine Geschichte über Afrika anhand eines weißen handelnden Charakter erzählt. Doch sollte man Afrika nicht auch durch die Augen eines Afrikaners beobachten um sich dann zu überlegen inwieweit man als Außenstehender auf das Erfahrene reagiert, welche Konsequenz man für sich selber zieht? So besteht die Gefahr ein völlig falsches Afrikabild ä la Scholl-Latour zu malen. Auch scheint es nicht förderlich die Entwicklungshilfe generell zu verteufeln. Denn Heise selbst erzählt von guten, effizienten Projekten, wie das der Ägypterin Salua Nour, die den Kongolesen bei der Bildung einer Zivilgesellschaft hilft und die großen Geldströme nach unten umleiten will. Auch hier gilt die Prämisse: Nicht alle über einen Kamm scheren! Entwicklungshilfe ist wichtig und kann Afrika helfen sich aus seiner großen Depression zu befreien. Der Fehler ist nur die Afrikaner gar nicht oder nicht genügend an diesem Prozess zu beteiligen. Die Afrikaner wissen selber was gut für sie ist, welche Strukturen funktionieren. Der westliche „Helfer" muss aufhören für die Afrikaner und über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden. Es muss ein Dialog auf gleicher Augenhöhe geftihrt werden. Und genau das fehlt auch in Heises Buch. Ein Afrikaner der mit Hans in den Dialog tritt - auf Augenhöhe. Ansonsten bietet Heise einen gelungenen Einstieg in die Thematik des Kongos. Das Buch ist leicht zu lesen und hat einen stark erzählenden Charakter. Man findet sich plötzlich in einer völlig fremden Welt wieder und man möchte nicht glauben, was man da grade Erschütterndes über ein Land gelesen hat, dem es so viel besser gehen könnte. Beim Kongo-Laien wird sicher das Interesse an weiterer Vertiefung der Materie geweckt, dem Kongokenner aber wird es nicht viele neue Erkenntnisse bringen.

Der Autor, Julian Rieck, ist Politologie- und Ethnologiestudent in Bonn und war im September Praktikant im Büro von Dialog International Düsseldorf