Leseprobe: Der Alltägliche Ausnahmezustand. Kongo im Chaos

Vorwort

Dieses Buch ist eine Momentaufnahme von Afrika dort, wo es seit langem am finstersten ist, im Kongo.

 

Zwölf Tage lang besuchte ich 2005 in Kinshasa einen Deutschen: Hans. Daraus entstand dieses Buch über den Kongo und über die schillernde Figur dieses Hans. Denn Afrika wäre nicht, was und wie es heute ist, ohne Leute wie Hans, ohne die vielen Generationen von Weißen, die es seit über 500 Jahren dort hin zog und immer noch zieht. Hans lebt seit den siebziger Jahren im Kongo. Hier hat er auf seine Art Karriere gemacht, nachdem er in Deutschland zu scheitern drohte. Seine bizarre, zuweilen auch anrüchige Geschichte taucht immer wieder auf in dieser Schilderung afrikanischer Wirklichkeit. Es ist eine Schilderung aus der unterschiedlichen Perspektive zweier Weißer, der von Hans und der von mir, und beide sind nicht politically correct.

 

eine Afrika-Karriere begann 1968 mit einem Kriegseinsatz fürs Fernsehen in Biafra, das sich gerade von Nigeria losgesagt hatte. Und meine zahllosen Afrika-Reisen danach hatten fast alle mit Krieg zu tun, mit seinen Motiven und seinen Folgen. Und immer hatten dabei Weiße ihre Hände im Spiel: Söldner und Entwicklungshelfer, Diplomaten und Geschäftsleute, Kriminelle und Agenten. Wie in den fünf Jahrhunderten zuvor die Abenteurer und Entdecker, Sklavenhändler und Missionare, Glücksritter und Kolonialbeamten. Sie alle waren und sind daran beteiligt, dass Afrika heute in einem so erbärmlichen Zustand ist. Doch die Hauptrollen in diesem Schurkenstück haben immer Afrikaner gespielt: Häuptlinge und Könige, Beamte und Politiker, Militärs und Warlords. Und was jetzt? Wie soll Afrika je herausfinden aus seiner Armut und Anschluss finden an die entwickelte Welt? Da müssten wir helfen, schallt es von allen Seiten. Mit Geld! Je mehr Geld wir ihnen gäben, desto besser werde es den Afrikanern gehen!

 

Und es fließen Milliarden in Richtung Afrika – doch nichts bewegt sich dort. Im Gegenteil: die Bedürftigkeit wächst immer noch. Das sei, sagen die Politiker Afrikas, weil der Westen immer noch nicht genug Geld gebe. Nein, sagen jetzt immer vernehmlicher Afrikas Intellektuelle, das sei, weil der Westen mit seinem Geld diese geldgierigen Politiker an der Macht hält. „Lasst uns endlich in Ruhe mit eurem Geld,“ rufen die Weisen Afrikas uns zu, „dann können wir unsere Probleme selber lösen!“ Hans und ich beobachten Afrika und die Entwicklungshilfe seit mehr als 30 Jahren, und in diesem Punkt sind wir uns einig: Die Weisen Afrikas haben recht. Doch sie finden kaum Beachtung.



Dienstag, 8. März 2005

Willkommen im Chaos

Ein Agent sorgt  für Sonderbehandlung. Hans und sein privater Geheimdienst. Kinshasas Innenstadt bei Nacht: finster und verlassen.

 

Es ist gerade Nacht geworden über dem Westen Afrikas, mein AIR FRANCE Flug 898 landet pünktlich in Kinshasa. Am Flughafen auf keinen Fall fotografieren! hatte noch der Steward gewarnt. Das gilt auch für alle Brücken, alle Grenzen, alle Polizisten und Soldaten des Kongo. Selbst die Menschen in den Straßen gebärden sich beim Anblick eines fotografierenden Weißen, als sei jedes Foto ein Frevel, der nur mit Geld wieder gutzumachen ist.

 

Ein Tritt auf die etwas wacklige Aluminiumtreppe umfängt mich Afrikas feuchtwarmer Flughafendunst: Kerosinabgase mit einem Hauch von Holzkohlenfeuer. Auf dem Vorfeld großes Gedränge, fensterlose ANTONOW Frachtmaschinen mit kyrillischer Aufschrift. In drei Stunden soll der AIRBUS mit neuen Passagieren zurückfliegen nach Paris. Im Kongo ist Chaos – Banditentum, Unsicherheit, Krieg. Deshalb lässt keine seriöse Airline über Nacht ihr Flugzeug hier stehen. Heute bleibt es doch stehen, der Ablösepilot hat Durchfall. Afrika eben. Soldaten dirigieren die ankommenden Fluggäste über das schwach beleuchtete Vorfeld zwischen den chaotisch abgestellten Maschinen hindurch zum Empfangsgebäude. Ölig glänzen Pfützen von einem gerade niedergegangenen Schauer. Mir rinnt schon nach wenigen Metern der Schweiß. Am Eingang fischt mich mit sicherem Blick ein Agent des Geheimdienstes aus dem Pulk der überwiegend weißen Ankömmlinge.

 

Monsieur Heise?“
Er nimmt mir den Pass ab und zerrt mich zu einem gesonderten Durchlass. Was aussieht wie eine Festnahme, soll mir die in Kinshasa besonders üble Einreiseprozedur ersparen. Der Agent handelt im Auftrag von Hans. Der erwartet mich im klimatisierten Salon d’Honneur. Wir kennen uns seit 20 Jahren. Damals hatte ihn mir jemand von der deutschen Botschaft als Stringer empfohlen. „Aber sagen Sie keinem, dass der Tipp von mir kommt!“ Da galt Hans noch als einer, mit dem man lieber nicht gesehen werden möchte. Inzwischen ist er 63, und die Botschaft ist stolz auf diesen Deutschen. Mir hat er viele Male bei der Fernsehberichterstattung geholfen aus diesem Land, das für Journalisten zu den schwierigsten der Welt zählt. Dabei habe ich es schätzen gelernt, einen wie Hans an meiner Seite zu haben, obwohl der auf den ersten Blick wirklich nicht anziehend wirkt: Schmächtige Statur, sportlich-adrette Kleidung, das schüttere Haar nass zurückgekämmt, unruhige Augen, und ein Ton wie vom Kasernenhof.
Chauffeur Daniel fährt den weißen Mercedes Geländewagen vor. Heute ohne den sonst üblichen Bodyguard mit Stahlhelm und Kalaschnikow. Der Mann vom Geheimdienst bahnt uns durch die fordernd ausgestreckten Krücken und Kinderhände eine Gasse zum Auto. Hans zündet die erloschene Havanna wieder an, gibt einem, den er für den Anführer der Bettler hält, den Gegenwert eines Dollar, „teilt euch das, aber ehrlich!“ dann Fenster und Zentralverriegelung zu, Kühlung an, und schon sind wir unterwegs zur Stadt – lange bevor auch nur einer der Normal-Passagiere an der letzten der zahlreichen und immer wieder mit kriminellen Geldforderungen verbundenen Einreisekontrollen vorbei ist.

 

er Weg in die Stadt gilt als einigermaßen sicher. Das war nicht immer so. Er führt zuerst durch die sichtlich verelendete Vorstadt N’Djili. Kurzer Halt. Der Mann vom Geheimdienst steigt aus. Er wohnt hier. Der Staat zahlt schlecht, oft gar nicht. Deshalb arbeitet er nebenberuflich für Hans, liefert Infos und Analysen über die Stimmung im Volk.* Und wenn am Flughafen Gäste ankommen, sorgt er für die bevorzugte Abfertigung. Er ist nicht der Einzige, den Hans für solche Dienste bezahlt. Es gibt noch einen für die Außenpolitik und einen für die Regierung. Gut und zeitig informiert zu sein hat sich für Hans schon manches Mal ausgezahlt.

*Im Dezember 2006 wurde der Agent mitten in Kinshasa tot aufgefunden. Kopfschuss.



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